Telemarker auf Skitour - August, 2014

Fastzination Skitour! "Meine Tour" ein Bericht von Jens Becker

Wenn nicht jetzt wann dann?

Drei Uhr morgens, dass Licht des abnehmenden Vollmond scheint durch das Fenster in den Schlafraum. Später, kurz vor vier. Draußen ist es kalt, im Schlafsack warm. Ein Blick aus dem Fenster: Sternenklar und der Mond erhellt, verstärkt durch den Schnee, die ganze Landschaft. Wenn nicht jetzt, wann dann (Carpe diem). Raus aus dem Schlafsack die bereitgelegte Wäsche an ziehen. Den Rucksack auf den Gang vor das Lager stellen, die Ausrüstung dazu, nur leise um die anderen nicht zu wecken. Goretexjacke und Tourenhose in der Hand leise die Treppe runter. Skischuhe im Trockenraum mit nehmen und die nächste Treppe runter. Noch schnell einen Blick in den Frühstücksraum. Müsli? Dafür bleibt keine Zeit. Zwei Scheiben Brot und Haselnusscreme in den Rucksack und ab zum Bulli. Nach etwas Startschwierigkeiten rückwärts vom Parkplatz runter zur Mautstraße, 2200 Meter über n.N.. Die Straße rauf bis zum Parkplatz auf 2700 Meter. Es ist ca. vier Uhr fünfundzwanzig. Die Felle auf die Ski montieren und über die Pisten aufsteigen zum Nörderjöchl 3017 Meter. Eine Stirnlampe ist nicht nötig, die Sterne und der Mond leuchten den Weg aus. Etwas trinken, die Ski und Stöcke auf den Rucksack binden und mit dem Eispickel in der Hand geht es weiter. Noch ist es dunkel im Tal, als oben am Berg die ersten Sonnenstrahlen am Horizont die Sterne erblassen lassen. Alles schläft noch im Tal, während der Kampf über den mit Schnee und Eis bedeckten Felsgrat zwei Stunden dauert.

Plötzlich hört man es rufen, 3200 Meter über dem Meer in der völligen Stille, wenn der eigene Atem und das stapfen im Schnee nicht zu hören wären. Aber was piept da? Ein kleiner Vogel ist erwacht und begrüßt, in dieser unwirtlichen Landschaft, zwitschernd die wärmende Sonne . Aber was sucht der Vogel hier? Aber was suchen wir eigentlich hier? Wird es uns im Tal zu eng, sind wir auf Abenteuer aus, versuchen wir neue Dinge zu entdecken oder ist es einfach nur die Freiheit? Oder der Friede, mit sich und der Natur im Einklang? Zu sehen wie die Sonne hinter den Bergspitzen im Osten empor steigt, Stück für Stück die Nacht verdrängt, mit ihren Strahlen die höchsten Gipfel in rotes Licht taucht, gleich Fackeln die angezündet werden und nach unten durchbrennen um Wärme ins Tal zu bringen, das alles erwacht nach einer eiskalten Nacht.
Mit der Sonne weiter empor steigend wird der Blick frei auf die riesige Eis und Schneefläche des Gepatschferners. Nur eine Spur führt auf den Gletscher und verliert sich in der endlichen Weite dieser größten zusammenhängenden Eisfläche der Ostalpen. Mit einer Fernsicht über die Ötztaler Alpen , die Bernina , die Ortlergruppe mit hunderten von Gipfeln über dreitausend Meter und unten der Reschensee und dass Langtauferer Tal im Westen. Im Norden das Kaunertal, wo die ersten Gäste im Gepatschhaus beim Frühstück sitzen, ist für den Gipfel-Stürmer das erste Tagwerk vollbracht. Und von Stürmen kann man wahrlich reden. Über den Gipfel der Weisseespitze pfeift ein orkanartiger eisiger Wind. Nur einen Handschuh ausziehen um das Gipfelbuch aus dem Blechkasten zu ziehen, dicht zwischen Brust und Gipfelkreuz eingeklemmt, den Namen und DAV Bad Hersfeld hinein schreiben. Das Wetter: „sonnig , Sturm“ eintragen und das Datum mit dem 17. April (erst der 3. Eintrag in 2014) hinzu schreiben. Noch schnell ein Foto und ein Panoramabild machen, bis die Spannung des Akku zusammen bricht und bevor, die vor Kälte schon schmerzende Hand in den Handschuh eintauchen kann. Ohne Pause zurück. Irgendwie so müssen sich Scott und Amundsen am Südpol gefühlt haben: der Wind peitscht den aufgewirbelten Schnee mit all seiner atemraubenden Kraft ins Gesicht. Ein paar Minuten benötigt man mit der Hand schützend vorm Gesicht, über das große flache Gipfelplateau. Etwas unterhalb des Gipfels ein Windgeschützter Platz, etwas trinken, einen Müsliriegel essen, die Felle von den Ski ziehen und in den Rucksack verstauen. Fertig!

Und nun zum angenehmen Teil der Tour. Ein Stück vom Gipfel runter in eine „Scharte“ jetzt die Frage: Wie sieht „der Hang“ aus? Entweder den langen Weg über den Gletscher oder über „den Hang“ in die Nordflanke direkt ins Skigebiet zurück fahren. Drei Minuten Selbstgespräche führen. Etwas aufsteigen und um einen Felsen herum. Nochmals Drei Minuten für und wieder abwägen, rutschen, drei Schwünge erneut zwischen den Felsen stehend, nachdenken, fahren oder wieder zurück steigen und über den langen Gletscher abfahren? Unten im Skigebiet fangen die Lifte an zu laufen, das Personal wird mit Motorschlitten zur Bergstation gefahren. Wenn nicht jetzt wann dann? Bekommt man diese Gelegenheit mit diesen Bedingungen nochmal irgendwann geboten? Ab geht’s! Einen langen Schwung, die Schneeauflage ist gering aber wahnsinnig griffig. Weitere fünf Schwünge, dann eine lange Schrägfahrt und Luft holen. Alles ist super! Dreihundert Höhenmeter bei ca. fünfunddreißig Grad Neigung und jetzt fünfzehn bis zwanzig Zentimeter Pulver. Da gibt es nur eins mit Freuden hinein. Und jeder, der das liest und abseits des Pistentrubels unterwegs ist, wird wissen, was in so einem Moment im Innern eines Skifahrers vor geht. Einen Schwung an den anderen wenn möglich schön gleichmäßig, immerhin kann man die Line vom Skigebiet aus sehen. Zehn Schwünge, zwanzig und schon sind es dreißig.

Doch dann passiert es: Der Aufstieg, die Höhe und das mangelnde Training lassen die Oberschenkel brennen aber einer geht immer noch, bevor die Fahrt stoppt. Nach kurzer Pause geht’s weiter. Von der Bergstation eines Lift stiegen drei Tourengeher auf. Nach einem zweiten Stopp noch einmal alles geben. Mit etwas größeren Schwüngen im Telemark, versuchen es aussehen zu lassen als würde man bei der Abfahrt durch den Powder schweben, während die drei aufsteigenden Tourengeher durch den Tiefschnee spuren müssen. Noch ein freundliches guten Morgen durch die Zähne pressen, während die Luft bzw. der Sauerstoff in den Muskeln der Oberschenkel viel dringender gebraucht wird. Ein guten Morgen kommt leicht zurück. Aber das tiefe Atmen der Aufsteigenden lässt auch deren Anstrengung erkennen. Noch ein paar kurven zum nächsten halt um sich auf die letzte Line hinunter zur Piste zu konzentrieren. Über den von den Pistenraupen zu einer ebenen Fläche verdichteten Schnee zurück zum Auto. Es ist Punkt neun Uhr der Skibetrieb beginnt.

Etwas abgekämpft aber entspannt schaut man zu wie die ersten Skifahrer mit den Liften den Berg hinauf befördert werden. Entspannt unter der Heckklappe des Bullis sitzend und in das mit gefrorener Haselnusscreme belegte Brot beißen. Die Sonne scheint und der Blick fällt glücklich und zufrieden auf die Abfahrtsspur. Leider durchkreuzt die Aufstiegsspur der drei Tourengeher die Line und später folgen auch noch andere Abfahrtsspuren. Aber so ist das eben, die Berge sind für alle da. Und vielleicht klappt es im kommenden Jahr mit einer ganzen Gruppe auf die Weisseespitze zu gehen und die Erlebnisse zu teilen.

Freundlichst grüßt euer Telemarktourer

P.S.: Wenn nicht jetzt, dann nächstes Jahr!


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